Frank Mella "Wie der DAX entstand" - page 9

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eine Ausweitung auf 30 Titel erlaubte. Der
Indexstand wurde fast in Echtzeit über
elektronische Medien verbreitet und war via
Reuters weltweit verfügbar. Auf Seite 1 der
Börsen-Zeitung erschien fortan ein Chart mit
dem Tagesverlauf – eine frühe Version der
heute TV-bekannten DAX-Grafik.
Mitte der 1980-er Jahre wurde es allmählich
peinlich. Die führenden Weltbörsen hatten ihre
Leitindizes als Laufindex angelegt, und der
Minutentakt war international schon zum
Standard geworden. Wir hinkten hier hinterher.
Natürlich lag der Gedanke nahe, einen Index –
ohne manuelle Zwischenschritte und ohne
Umwege über externe Rechner – dort zu
ermitteln, wo auch die Kurse erfasst werden.
Im Jahresbericht 1986 der Arbeitsgemeinschaft
propagierte der Chefredakteur der Börsen-
Zeitung, Bernd Baehring
einen alle acht
Börsen erfassenden Kursindex in real time
.
Eine gute Idee, die ich dem Chef aber ausreden
musste. Es gab nämlich in der Bundesrepublik
zwei Zentren der Börsen-EDV. Die BDW für
die Plätze Düsseldorf, München, Stuttgart und
Berlin benutzte Siemens-Software, und die
BDZ mit Frankfurt, Hamburg, Hannover und
Bremen war auf IBM programmiert. Beide
Systeme waren inkompatibel, und so wurde die
BDZ auf Siemens umgerüstet.
Das erste sichtbare Resultat präsentierte die
Frankfurter Börse am 16.9.1987. Sie schaltete
ihre 1963 installierte Kursanzeigetafel ab und
nahm das Kurs-Informations-Service-System
KISS in Betrieb. Das war also noch keine
Handelsplattform, gleichwohl aber ein
Quantensprung in der Börsentechnologie. Die
amtlichen Makler gaben jetzt Kurse und
Umsätze direkt bei der Kursfeststellung ins
System ein. Die Kurse wurden auf
Videomonitoren in den Bankenbüros angezeigt
und auch außerhalb der Börse online und real
time verbreitet. Das Konzept stammte aus dem
Ingenieurbüro Fischer, und Artur Fischer
wachte als EDV-Beauftragter der Frankfurter
Börse über die Implementierung durch
Siemens. Das Timing war optimal. Das alte
System wäre wahrscheinlich unter der
Orderflut des Börsenkrachs im Oktober 1987
zusammengebrochen. KISS hat die Feuerprobe
mit Bravour bestanden. Fischer hatte auf
Anregung der Dresdner Bank bereits in einem
sehr frühen Planungsstadium im Pflichtenheft
vorgesehen, aus den ohnehin im Kernspeicher
vorhandenen Kursen einen – wie auch immer
konstruierten – Laufindex zu generieren.
Nachdem die Börsen-Zeitung nun auch mit der
Frankfurter Börse eine Übereinkunft erzielt
hatte, schlugen am 21.12.87 zwei Stern-
stunden. Während der Handelszeit erschien auf
den Frankfurter Monitoren zum ersten Mal ein
Index, der minütlich aktualisiert wurde. Er
hatte zwar mit dem späteren DAX noch nicht
allzu viel zu tun und war in KISS auch deutlich
als Testindex gekennzeichnet. Aber jeder
Börsianer konnte sich überzeugen: Fischers
Technik funktionierte. Artur Fischer gehört zu
den Pionieren des Deutschen Aktienindex.
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