Frank Mella "Wie der DAX entstand" - page 6

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Von der Idee zum Endprodukt
Der Nebel der Geschichte verhüllt, wer als
erster die Idee hatte. Angeblich war der Index
nach dem Londoner
Urknall
(27.10.86) Thema
eines Gesprächs, als drei Herren auf dem
Parkett in Frankfurt zusammenstanden:
Michael Hauck, Vorsitzender des Börsen-
vorstands, sein Stellvertreter Manfred Zaß und
Dr. Rüdiger von Rosen, Geschäftsführer der
Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Wert-
papierbörsen. Hauck hielt wenig von einem
deutschen Aktienindex: „Es gibt überhaupt
keine deutschen Aktienkurse – es gibt
Frankfurter Kurse.“ Hätte er sich durchgesetzt,
hieße der Index heute wohl FAX.
Er wäre aber schon an der ersten Hürde
gescheitert und wahrscheinlich nicht einmal in
der Bundesrepublik überall akzeptiert worden.
Denn es gab noch keine Deutsche Börse AG
sondern acht Regionalbörsen. Die Kleineren
wachten eifersüchtig über ihre Besitzstände
und begegneten jeder Initiative - zumal aus
Frankfurt - mit Argwohn. Der Deutsche
Aktienindex war einer der ersten Schritte auf
dem Weg zum Finanzplatz Deutschland und
fand hier mit der Zeit Anklang. Die
Düsseldorfer Börse entdeckte begeistert, dass
von den 30 Indexwerten zehn Unternehmen
ihren Sitz in Nordrhein-Westfalen hatten und
teilte dies der Nation in ganzseitigen Anzeigen
mit. Damit war das Eis gebrochen.
Eine andere Hürde ist heute in Vergessenheit
geraten. Es gab damals schon elf Indizes für
den deutschen Aktienmarkt (Urheber waren
BZ, FAZ, Süddeutsche, WELT sowie vwd;
ferner Commerzbank, degab, WestLB und eine
Privatbank; schließlich die Frankfurter Börse
sowie das Statistische Bundesamt). Eine
weitere Maßzahl konnte entweder nur eine bis
dato unbesetzte Marktnische indizieren und
wäre ziemlich bedeutungslos gewesen. Oder
der neue Index wäre in die Nähe eines
etablierten Indexkonzepts geraten und schnell
als Kopie kritisiert worden, die womöglich
sogar juristische Schritte provoziert hätte.
Keiner Bank, keiner Zeitung war zuzumuten,
ihre Indextradition aufzugeben. Allein die
Börsen-Zeitung hatte früh signalisiert, ihren
Index einzustellen, falls für die Börsenbericht-
erstattung etwas Besseres geschaffen würde.
Alleinstellungsmerkmal des BZ-Index war
seine „Laufeigenschaft“ und da traf es sich,
dass auch der DAX ein Laufindex sein sollte.
Anfang 1987 bat mich mein Verleger, ich solle
mir mal Gedanken um einen Index für die
deutschen Aktienbörsen machen. Unter dem
Titel „Ein Aktienindex für den Finanzplatz
Deutschland“ legte ich am 10.3.87 ein 30-
seitiges Diskussions-Papier vor, das der
Verleger „mit der Bitte um völlige Diskretion“
an ausgewählte Banken verschickte. Am
13.7.87 trafen sich Experten im Hause der
Börsen-Zeitung, um das weitere Procedere zu
besprechen. Die Federführung sollte die
Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Wert-
papierbörsen übernehmen, und die beiden
Cover,2,3,4,5 7,8,9,10,11,12,13,14,15,16,...54
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