Frank Mella "Wie der DAX entstand" - page 5

3
Der DAX ist die Fortsetzung des Index
Börsen-Zeitung, den ich am
1.4.1981
erstmals
berechnet hatte. Neben der Zeitreihe sind zwei
Komponenten dieses Konzepts heute noch im
DAX enthalten: Die Anzahl der Indextitel (30)
sowie die Wiederanlage von Dividendenaus-
schüttungen. Wir brauchten damals für die
tägliche Börsenberichterstattung einen kurz-
fristigen Indikator, weil am Vortag der Hardy-
Index eingestellt worden war.
Das kleine Frankfurter Bankhaus Hardy & Co.
GmbH hatte seinen Index am
28.9.1959
gestartet. Besonderheit: Er wurde vier Mal pro
Tag ermittelt, und die Indexstände waren
Beschreibung des BZ-Index, 2.6.1981
bereits während der Börsensitzung bekannt.
Damit hat Hardy am deutschen Aktienmarkt
den Laufindex eingeführt – bis heute zentrales
Merkmal des DAX, auch wenn das
Berechnungsintervall (damals 30 Minuten)
enorm verkürzt wurde. Durch Verkettung
gelang es, eine Zeitreihe von über zwei
Jahrzehnten zu retten.
Hardy- und BZ-Index umfassen zusammen
eine Epoche von über 28 Jahren vom 28.9.59
bis 30.12.87 und wurden in die Literatur unter
dem Begriff „Mella-Zeitreihe“ eingeführt.
Geprägt hat ihn Professor Richard Stehle von
der Berliner Humboldt-Universität, der den
DAX methodisch einheitlich und durchgängig
bis zur Währungsreform (
20.6.1948
) zurück-
gerechnet hat – allerdings mit nur einem
Indexstand pro Monat. Diese Zeitreihe benutzt
das Deutsche Aktieninstitut und berechnet
daraus das bekannte „Rendite-Dreieck“. Wer
jedoch auf DAX-Tagesstände vor 1988 stößt,
hat es mit meiner Zeitreihe zu tun, auch wenn
als Quelle eine Universität, eine Bank, eine
Börse oder wer immer sonst genannt wird.
Der DAX hat also mehrere Geburtstage – wie
der Dow Jones übrigens auch. Dem Astrologen
habe ich empfohlen, zu jedem der sechs Daten
ex-post-Horoskope zu erstellen und dann jenen
Geburtstag auszuwählen, mit dem sich
wenigstens die nachfolgenden Börsenkräche
am besten prophezeien lassen.
Cover,2,3,4 6,7,8,9,10,11,12,13,14,15,...54
Powered by FlippingBook